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Nebbsallee 2
26316 Varel

Varel-Pfad

Geburtshaus des Dichters, Journalisten, Übersetzers und Stenografen Ferdinand Hardekopf (1876 - 1954)

In diesem 1856/57 auf dem Gelände des ehemaligen Schlossparks erbauten Haus wurde Ferdinand Hardekopf am 15. Dezember 1876 als erstes Kind einer Kaufmannsfamilie geboren. Seine Eltern waren erst ein Jahr zuvor aus Geversdorf an der Oste nach Varel gezogen und hatten hier ein "Weißwaaren-, Band- und Garn-Geschäft" eröffnet.  Doch weder in der Nebbsallee noch in der Drostenstraße, wo der Vater seit 1883 ein neues Textilgeschäft betrieb (dort, wo heute das Gebäude der Oldenburgischen Landesbank steht), war dem Kaufmann ein dauerhafter Erfolg beschieden, sodass er mit seiner Familie -  inzwischen war auch Tochter Eliza geboren worden - 1891 Varel verließ und in Leipzig einen geschäftlichen Neustart versuchte.

Somit verlebte Ferdinand Hardekopf seine Kindheit und frühe Jugend in Varel. Ganz gleich, ob zunächst in der Vareler Vorschule und in der Realschule (heute: Grundschule Osterstraße) oder ab 1887 am Großherzoglichen Gymnasium in Oldenburg (heute: Altes Gymnasium): Ferdinand war in der Regel der Klassenprimus. Auch in Leipzig setzte sich die brillante Schülerkarriere an der berühmten Thomasschule fort, wo er 1895 ein glänzendes Abitur ablegte.

In den Vareler Jahren war es der aus Sachsen stammende, später als Stenograf deutschlandweit bekannte Lehrer Ernst Ahnert, der für den hochbegabten Kaufmannssohn wichtig werden sollte. Bei ihm lernte Ferdinand Hardekopf die Gabelsbergersche Kurzschrift innerhalb weniger Monate in höchster Perfektion, sodass er fortan in der Zunft der Stenografen den Ruf eines "stenografischen Wunderkindes" besaß. Das Stenografieren wurde schon während seines Philologie-Studiums in Leipzig und Berlin (1895-1900) zu seinem "Brotberuf". Als Stenograf war er u. a. in den Landtagen in Dresden und Weimar sowie von 1904 bis 1916 im Berliner Reichstag tätig. Es ist wahrscheinlich, dass Ahnert, der u. a. in Paris studiert hatte und fließend Französisch sprach, auch Hardekopfs Interesse an Frankreich weckte, dessen Literatur er später so meisterhaft übersetzte.

Bis 1922 lebte Hardekopf, mit Unterbrechungen, in Berlin, dann verließ er Deutschland zusammen mit der Schauspielerin Sita Staub, die bis zu seinem Tod seine Lebensgefährtin blieb. Er sollte nie mehr in das Land seiner Herkunft zurückkehren. Die nun folgenden Exiljahre in Frankreich und der Schweiz waren geprägt von häufigen Ortswechseln und der ständigen Sorge um die materielle Existenz, die Hardekopf vor allem durch Übersetzungen zu sichern versuchte. Unmittelbar nach der "Machtergreifung" der Nationalsozialisten wurden Hardekopf und Sita Staub in Frankreich zu Staatenlosen erklärt und mehrmals in Internierungslager verbracht. Zahlreiche Manuskripte des Schriftstellers gingen in dieser Zeit verloren. Ab 1946 lebte er in der Schweiz, vorwiegend in Zürich, wo er am 26. März 1954 verarmt und als Schriftsteller vergessen in tiefer Verzweiflung starb.

Die Meinung ist verbreitet, Ferdinand Hardekopf habe nur wenig publiziert. Das Gegenteil trifft zu! - Richtig ist, dass er als "Dichter" im engeren Sinne ein eher schmales Werk hinterlassen hat. Diese Gedichte waren es, die ihn in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts zum "heimlichen König des Expressionismus" werden ließen, der für viele jüngere Autoren zu einem literarischen Vorbild wurde. In der Berliner Bohème war der elegante schwarzhaarige Friese mit dem auffallenden plattdeutschen Akzent eine prominente Erscheinung. Hardekopf blieb literarisch stets ein Unabhängiger, der sich nie von einer "Richtung" vereinnahmen ließ.

Während Hardekopfs Dichtungen überwiegend in seinen Berliner Jahren entstanden, begleitete ihn seine publizistische Tätigkeit sein Leben lang. Hardekopfs Feuilletons, Essays und Theaterkritiken, sprachlich ausgefeilt und auf hohem Niveau, erschienen in wichtigen Presseorganen der Zeit. Während der Emigration publizierte er in Exilzeitschriften und nach dem II. Weltkrieg in Schweizer Blättern, hauptsächlich der "Neuen Zürcher Zeitung".

Fest steht, dass Hardekopf einer der besten, vielleicht sogar, wie Thomas Mann meinte, der beste Übersetzer französischer Literatur ins Deutsche in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war. Etwa 50 Übersetzungen erschienen in Buchform, sowohl Werke von Klassikern, u. a. Zola, Balzac, de Maupassant, als auch von zeitgenössischen Autoren wie André Gide, André Malraux, Colette und Jean Giono.

Kaum gewürdigt worden sind bisher die weitgehend unveröffentlichten Briefe Hardekopfs, von denen fast 1000 in deutschen, schweizerischen und französischen Archiven aufbewahrt werden. Diese Briefe geben einen anschaulichen Einblick in das bewegte Leben Hardekopfs. - Und wer annahm, das Verhältnis des Schriftstellers zu seiner Herkunftsregion sei von Geringschätzung geprägt, wird durch die Briefe eines anderen belehrt: Mit einer Reihe von Zitaten lässt sich belegen, dass Hardekopf  mit Sympathie, manchmal mit Wehmut und Sehnsucht an Varel und das Oldenburger Land zurückdachte.

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